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Stille ist eine Richtung






Die therapeutische Kraft des Nicht-Widerstands


In einer Welt, die immer lauter wird, liegt die größte Kraft vielleicht im Lauschen. Nicht im Lauschen mit dem Ohr – sondern in jener tieferen Aufmerksamkeit, die nicht auf Geräusche, sondern auf das Wesen der Dinge hört. Auf das, was darunter liegt.


Die alten buddhistischen Lehren sprechen selten in Lösungen. Sie weisen nicht auf ein Ziel, sondern auf einen Weg. Auf ein Gehen ohne Eile, ein Sehen ohne Urteil, ein Atmen ohne Zweck. Ihre Weisheit liegt in der Richtung, nicht in der Antwort.


Wenn wir aufhören zu kämpfen – mit uns selbst, mit anderen, mit dem, was ist – beginnt ein feiner Umschwung. Der Geist wird weit. Die Enge, die uns bindet, löst sich wie Morgendunst in der Sonne. In diesem Moment beginnt Heilung. Nicht als Reparatur, sondern als Erinnerung. Erinnerung an eine Ganzheit, die nie wirklich verloren war.




Die Praxis des Einverstandenseins


Die therapeutische Tiefe liegt nicht im Tun, sondern im Nicht-Widerstand.


Nicht im Verändern, sondern im Annehmen. Nicht im Kontrollieren, sondern im Vertrauen. Die Praxis der Achtsamkeit – in ihrer ursprünglichen Tiefe – ist nichts anderes als das stille, wache Sein mit dem, was gerade ist. Schmerz oder Freude, Lärm oder Stille, Nähe oder Alleinsein – alles darf durch uns hindurchfließen, ohne dass wir daran haften.


Diese Haltung ist nicht passiv. Sie ist durchlässig. Und in dieser Durchlässigkeit beginnt der Wandel – nicht durch Willenskraft, sondern durch Resonanz.


Der Körper erinnert sich.

An etwas Ursprüngliches.

An seinen eigenen Rhythmus.


Der Atem wird weich. Das Nervensystem beginnt zu lauschen. Das Immunsystem öffnet sich wie eine Blüte im Wind.


Was heilt, ist nicht das Machen, sondern das tiefe Einverständnis mit dem Lebendigen.




Eine stille Intervention


Lies diese Worte nicht nur mit dem Verstand.

Halte für einen Moment inne.


Spüre jetzt deinen Körper.

So, wie er ist.

Nicht wie er sein sollte.


Lass ihn da sein – vollständig.

Ohne Eingreifen.


Nimm den Atem wahr – nicht um ihn zu verändern.

Sondern um ihn zu lassen.


Nimm deinen Brustraum wahr –

als könnte dort eine Tür aufgehen,

ganz von selbst.


Stell dir vor, alles in dir wird weich.

Nicht schwach – sondern durchlässig.


Was passiert dann?

Welche Spannung löst sich – nicht, weil du sie auflöst,

sondern weil du sie nicht mehr festhältst?


Welche Empfindung darf da sein – ohne, dass du sie erklären musst?


Und nun:

Lass diesen Moment in Ruhe.

Tu nichts damit.

Lass ihn einfach nur wirken.


Wie ein Licht, das du nicht einschaltest –

aber das plötzlich da ist.




Heilung als Erinnerung


Die meisten Menschen denken, sie müssten sich verändern, um ganz zu sein.

Aber was wäre, wenn das Gegenteil stimmt?


Was wäre, wenn du bereits vollständig bist –

und der Weg nicht nach vorne führt,

sondern nach innen?


Heilung wäre dann keine Bewegung hin zu etwas Neuem –

sondern ein Zurückfallen in das, was immer schon da war.


Dann wäre jede Praxis, die wir ausführen,

nur ein Anstoß zum Erinnern.


Und jeder Moment der Stille –

ein Nach-Hause-Kommen.




Werde der Himmel


„Lass die Gedanken kommen und gehen, wie Wolken am Himmel.

Werde der Himmel – nicht die Wolken.“

– tibetisches Sprichwort


Was, wenn du nicht mehr der Inhalt deiner Gedanken bist?

Was, wenn du der Raum bist, in dem sie auftauchen –

und wieder verschwinden?


Was, wenn du in diesem Moment

nicht reagierst,

nicht einsteigst,

nicht kämpfst –

sondern nur:

bist?


Und dieser Zustand:

kein Ziel, kein Konzept, keine Methode –

sondern nur: Bewusstheit.




Die große Erlaubnis


Was du dir selbst geben kannst –

und was keine Therapie der Welt dir je vorschreiben darf:

Erlaubnis.


Die Erlaubnis, müde zu sein.

Die Erlaubnis, unsicher zu sein.

Die Erlaubnis, berührt zu sein –

von einem Wind,

einem Ton,

einer Erinnerung.


Und die tiefste:

Die Erlaubnis, zu heilen –

nicht indem du etwas machst,

sondern indem du nichts mehr dagegen tust.




Der Fluss des Lebendigen


Wir sind nicht getrennt vom Fluss der Welt.

Wir sind dieser Fluss.


Jeder Atemzug verbindet uns mit dem Feld, aus dem wir hervorgehen.

Jeder achtsame Schritt ist eine Erinnerung an die Erde unter uns.

Jede Berührung – sei sie sanft oder schmerzlich – ein Spiegel unserer Verwobenheit.


Heilung geschieht nicht, wenn wir gegen uns arbeiten.

Sie beginnt, wenn wir mit uns sind.

Wenn wir uns nicht mehr als etwas behandeln,

sondern als etwas bezeugen.


Wenn wir still genug werden, um uns selbst zu spüren –

nicht als Projekt, sondern als Prozess.


In jener stillen Bereitschaft, nicht mehr fliehen zu müssen.

Nicht mehr kämpfen zu müssen.

Nicht mehr besser werden zu müssen.




Und so kehren wir zurück –


zum Ursprung dieser Bewegung:


Stille ist keine Abwesenheit von Klang.

Sie ist eine Haltung.

Eine Richtung.

 
 
 

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