Polyvagaltheorie
- cniewiesk7
- 31. März 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 18. Apr. 2025

Einführung
Was brauchen wir, um uns sicher zu fühlen – in uns selbst, in Beziehung zu anderen, im eigenen Körper?
Die Antwort liegt tief in unserem Nervensystem verborgen. Die Polyvagaltheorie des US-amerikanischen Forschers Dr. Stephen Porges beschreibt, wie unser autonomes Nervensystem auf Sicherheit oder Bedrohung reagiert – und warum wir in bestimmten Situationen „funktionieren“ und in anderen innerlich „dichtmachen“.
In meiner therapeutischen Arbeit bildet diese Theorie eine wertvolle Grundlage – vor allem in der Verbindung mit Achtsamkeit und craniosacraler Energiearbeit. Sie hilft uns zu verstehen, warum Heilung kein intellektueller Akt ist, sondern ein Prozess tiefer, körperlicher Selbstregulation.
Was ist die Polyvagaltheorie?
Die Polyvagaltheorie erweitert das klassische Stressmodell („Kampf oder Flucht“) um eine dritte Reaktion: Erstarrung oder Rückzug. Im Zentrum steht dabei der Vagusnerv, ein großer Hirnnerv, der u. a. Herz, Lunge, Verdauung und Gesichtsmuskulatur mit dem Gehirn verbindet.
Porges unterscheidet drei grundlegende Zustände:
1. Soziale Verbundenheit (ventraler Vagus):
Wir fühlen uns sicher, sind präsent, zugewandt und offen für Beziehung.
2. Kampf oder Flucht (sympathisches Nervensystem):
Bei Gefahr oder Stress bereitet sich der Körper auf Reaktion vor: Herzschlag, Muskeltonus und Wachheit steigen.
3. Erstarrung oder Rückzug (dorsaler Vagus):
Wenn keine Flucht möglich ist, schaltet der Körper in eine Art „Notaus“: Wir ziehen uns innerlich oder äußerlich zurück, frieren ein, fühlen uns taub oder abgeschnitten.
Diese Zustände sind keine Entscheidungen, sondern automatische Reaktionen. Unser Nervensystem scannt unbewusst ständig unsere Umgebung – ein Prozess, den Porges „neurozeptive Bewertung“ nennt.
Was bedeutet das für Therapie und Heilung?
Viele Menschen, die mit Angst, Stress, chronischer Anspannung oder psychosomatischen Beschwerden leben, befinden sich unbewusst in einem Zustand von Übererregung oder Erstarrung. Ihr Nervensystem hat gelernt, auf bestimmte Reize mit Rückzug, Spannung oder Kontrolle zu reagieren – oft als Schutzmechanismus in früheren Erfahrungen.
Die gute Nachricht: Das Nervensystem ist lernfähig.
Heilung beginnt dort, wo wir beginnen, neue Erfahrungen von Sicherheit zu machen – in uns selbst, in Beziehung, im eigenen Körper.
Wie Achtsamkeit und Energiearbeit dabei unterstützen
In der achtsamkeitsbasierten Psychotherapie schaffen wir einen Raum, in dem neue, sichere Körpererfahrungen möglich werden. Nicht durch Worte allein, sondern durch Wahrnehmen, Spüren, Dasein.
Die craniosacrale Energiearbeit bietet dafür eine stille, tief wirkende Unterstützung. Über achtsame Berührung wird das Nervensystem eingeladen, in einen regulierten Zustand zurückzufinden. Es entsteht ein inneres „Herunterfahren“ – weg von Überforderung, hin zu Ruhe, Kontakt und Selbstwahrnehmung. Viele Klient*innen berichten in diesen Sitzungen von einem Gefühl des „Zurückkommens“ oder des „Wieder-in-sich-ankommen“.
Achtsamkeit stärkt dabei die Fähigkeit, im Moment zu bleiben, Körperempfindungen bewusst wahrzunehmen – ohne Bewertung. Genau das ist die Basis dafür, dass sich neue neuronale Muster bilden können. Und genau hier beginnt Regulation: nicht durch Druck, sondern durch Sicherheit, Präsenz und Beziehung.
Ein neuer Blick auf Symptome
Die Polyvagaltheorie hilft uns, Symptome wie Rückzug, Erschöpfung, Nervosität oder emotionale Taubheit nicht mehr als „Fehlfunktionen“, sondern als sinnvolle Reaktionen auf Überforderung zu verstehen. Sie zeigt:
Dein Körper hat versucht, dich zu schützen.
Und jetzt darf er lernen, dass Sicherheit möglich ist.
Fazit: Heilung ist Regulation – nicht Perfektion
Heilung bedeutet nicht, dass wir nie wieder Stress erleben. Es bedeutet, dass unser System lernt, besser zu regulieren, schneller in die Ruhe zurückzukehren, und sich sicherer in sich selbst zu fühlen. Die Polyvagaltheorie, verbunden mit Achtsamkeit und Energiearbeit, zeigt uns Wege dorthin.
In meiner Praxis begleite ich dich auf diesem Weg – achtsam, respektvoll und in deinem Tempo.



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